Alterssensible Architektur in der Geriatrie
Wie kann Architektur die Bedingungen in der Geriatrie verbessern?

Als Innenarchitekt:innen und Architekt:innen beschäftigen wir uns mit der nutzerspezifischen Gestaltung von Innenräumen. Hierbei spielen die jeweiligen Bedürfnisse unterschiedlicher Altersgruppen eine entscheidende Rolle. Insbesondere die für ältere Menschen angepasste Architektur in Kliniken stellt Planer:innen vor große Herausforderungen. In diesem Beitrag möchten wir die Hintergründe erläutern, die wichtigsten Problemdimensionen aufzeigen und Kriterien für eine ideale Umgebungsgestaltung in der Geriatrie vorstellen.

Der Bedarf altersgerechter Architektur steigt

Aufgrund des demographischen Wandels steigt die durchschnittliche Lebenserwartung kontinuierlich. Dadurch müssen geriatrische Abteilungen in Akut-Krankenhäusern und Wohnheimen immer mehr ältere Menschen versorgen, die spezielle Bedürfnisse und Therapieanforderungen haben. Im Alter treten vermehrt Einschränkungen der Beweglichkeit, der Kraft oder der Fingerfertigkeiten auf. Auch das Sehen oder Hören kann eingeschränkt sein. Gleiches gilt für das Gedächtnis, die Koordination oder Informationsverarbeitung. 

Alles in allem müssen wir verstehen, dass die Welt für ältere Menschen eine andere ist als für uns. Umgebungen können optisch verschwimmen und fremd wirken, äußere Reize überfordern, da sie nicht mehr richtig verarbeitet werden können. Wenn wir uns in unserer Umwelt nicht mehr zurechtfinden, kann das zu Angstzuständen, Hilflosigkeit oder sogar Aggression und dem Rückzug aus dem Sozialleben führen. Mit der richtigen Architektur in geriatrischen Bereichen können Planer:innen auf die speziellen Anforderungen in Kliniken und Seniorenheimen reagieren.

Was versteht man unter Geriatrie?

Ab einem Alter von 65 Jahren spricht man in diesem Kontext von Altersmedizin, der Geriatrie. Sie ist die medizinische Spezialdisziplin, die sich mit den körperlichen, geistigen, funktionalen und sozialen Aspekten in der Versorgung von akuten und chronischen Krankheiten, der Rehabilitation und Prävention älterer Menschen sowie deren spezieller Situation am Lebensende befasst. 

In geriatrischen Fachabteilungen werden meist über 80-Jährige behandelt, die einen hohen Grad an körperlichen Einschränkungen haben und unter mehreren Erkrankungen, also einer Multimorbidität, leiden. Die Behandlungskonzepte auf der geriatrischen Station sind demnach ganzheitlich und interdisziplinär gedacht, können Physio- und Ergotherapien, Logopädie und neuropsychologische Behandlungen beinhalten. Zusätzlich findet eine Beratung der Angehörigen statt, ein Sozialdienst betreut die Beantragung von Hilfsmitteln oder die Unterstützung im Alltag. Doch was sind die zentralen Herausforderungen bei der Behandlung von älteren Menschen?

Eingeschränktes Sehen

Wir nehmen den Großteil unserer Umgebung zunächst mit den Augen wahr, bevor die anderen Sinne unser Wahrnehmungserlebnis mit Informationen anreichern. Im Alter kann die Sehkraft durch verschiedene Krankheitsbilder stark beeinträchtigt sein. So können Altersweitsichtigkeit (Prebyopie), Grauer und Grüner Star, Netzhautablösungen und viele weitere Erkrankungen unsere optische Wahrnehmung gänzlich einschränken oder verändern. 

Symptome der Erkrankungen können eine verminderte Sehschärfe, zunehmende Blendempfindlichkeit, vermindertes Farb- und Kontrastsehen, Gesichtsfeldeinschränkungen und der zentrale Visusverlust sein. Im Allgemeinen wirkt die Umgebung deutlich dunkler und farbloser, da weniger Licht durch die verkleinerten Pupillen einfällt. Dies schränkt die Wahrnehmung vom kurzwelligen Licht (blau, grün, violett) ein, langwelliges Licht (gelb, orange, rot) wird besser wahrgenommen.

Vermindertes Hörvermögen

Zudem ist mit dem Hören oftmals eine weitere zentrale Sinneswahrnehmung von älteren Menschen beeinträchtigt. Mögliche Symptome können hier eine Störanfälligkeit für Hintergrundgeräusche, die verminderte Leistungsfähigkeit des Gehörs oder eine gravierende Störung des Sprachverstehens sein. Dies erschwert nicht nur die Kommunikation, sondern führt zu Verunsicherungen, Angst, Ausgrenzung, Isolation und Depressionen, da man nicht mehr am gewohnten Leben teilhaben kann.
 

Mit Einsatz von Farben und Kontrasten die Welt der Patient:innen formen
Eine gute Raumakustik leitet die Patienten zusätzlich durch die Station

Wie kann Architektur die Bedingungen in der Geriatrie verbessern?

Bleibt die Umwelt unangepasst an diese körperlichen Veränderungen, so führt dies zu den oben benannten Problemen der Unbestimmtheit, Sorge oder dem Gefühl von Inkompetenz, da man sich nicht mehr zurechtfindet. Indem wir die Umgebung deutlich kontrastreicher als die bisher weißen, sterilen Klinikwelten entwerfen, können wir Planer:innen hier erfolgreich gegensteuern. Böden sollten dunkler als die Wände oder Decken gestaltet sein, Decken wiederum deutlich heller als die Wände. Wichtige Bereiche wie Kreuzungen in Fluren lassen sich mit einer stärkeren Beleuchtung oder mit Farben aus dem langwelligen Farbspektrum hervorheben.

Der gezielte Einsatz von Farben und Kontrasten kann die Welt der Patient:innen formen, ihnen Orientierung geben, Barrieren aufzeigen wo diese notwendig sind, aber auch den hygienischen Aspekten dienlich sein. In Badezimmern sorgt der Einsatz von Kontrasten zwischen den Wänden, den Waschbecken, Toiletten oder Spülkästen für die Sichtbarkeit und die richtige Verwendung. Sind die Handläufe neben den Toiletten oder der Duschstuhl farblich hervorgehoben, können Stürze verhindert werden. 

Eine gute Raumakustik leitet die Patienten zusätzlich durch die Station. Gemeinschaftsräume zum Austauschen werden schon von Weitem wahrgenommen, da die Stimmen der Mitpatienten gehört werden. Der Patient weiß, dass hier ein belebter Ort ist und er hier zur Not auch Auskunft und Hilfe erhält. Im Gemeinschaftsraum selbst sollte die Raumakustik einen guten Austausch ermöglichen und Störgeräusche unterdrücken.

Zudem hilft eine einfache und klare Symbolik, die gut sichtbar und verständlich auf der verminderten Augenhöhe der Patienten platziert wird.
 

Die sechs Kriterien für geriatrische Architektur in Kliniken

Wir können festhalten, die Architektur in der Geriatrie muss auf die speziellen körperlichen und psychischen Bedürfnisse älterer Menschen ausgerichtet sein. Um hierfür einen geeigneten Rahmen zu spannen, eignen sich sechs Kriterien.

Eine Geriatrie sollte:

  • die Sicherheit älterer Menschen schützen,
  • vorhandene Kompetenzen erhalten und damit die Unabhängigkeit fördern,
  • eine vertraute Gestaltung für emotionale Sicherheit nutzen,
  • sensorische und geistige Anregungen bieten,
  • die Privatsphäre schützen und
  • nicht zuletzt die soziale Interaktion fördern.

 

Dies gilt insbesondere, wenn auf der Station auch Demenzpatient:innen behandelt werden. Der Umgang und die Pflege dieser Personengruppe ist für das Fachpersonal besonders herausfordernd, da die Patient:innen vergessen, dass sie krank sind. Sie wissen nicht, warum sie sich in einer fremden Umgebung befinden und möchten sie deswegen verlassen. Die demenzsensible Architektur bietet hier viele Lösungsansätze. Lesen Sie mehr dazu in unserem Artikel „Demenzsensible Architektur – mehr Sicherheit und Zufriedenheit für Patient:innen und Mitarbeiter:innen

bkp - Ihr kompetenter Partner für alterssensible Architektur

Den wachsenden Bedarf an alterssensibler Planung in Kliniken hat auch das Land NRW erkannt und stellt dieses Jahr Mittel in Höhe von voraussichtlich 100 Mio. € für die Einzelförderung von Altersmedizin zur Verfügung. Als Innenarchitekt:innen und Architekt:innen mit dem Kompetenzschwerpunkt auf das Gesundheitswesen und die Altersmedizin im Speziellen, stehen wir Ihnen gerne als Experten zur Seite: von der Antragsstellung über die Planung bis zur Umsetzung einer modernen Geriatrie, die optimal auf die täglichen Anforderungen ausgerichtet ist. Nehmen Sie gerne jetzt unverbindlich mit uns Kontakt auf. 

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